Kaum ein Gesundheitsthema ist so von Mythen und Halbwahrheiten umgeben wie die Testosteron-Ersatztherapie (TRT). Männer hören von Herzinfarkten, Prostatakrebs und dauerhafter Unfruchtbarkeit — und entscheiden sich aus Angst gegen eine Behandlung, die ihre Lebensqualität grundlegend verbessern könnte. Doch was sagt die aktuelle Forschung wirklich? In diesem Artikel trennen wir Fakten von Fiktion — transparent, differenziert und ohne Verharmlosung.
Mythos 1: TRT verursacht Herzinfarkte
Wie der Mythos entstand
Im Jahr 2014 sorgte eine Studie für Schlagzeilen, die einen Zusammenhang zwischen TRT und erhöhtem Herzinfarktrisiko nahelegte. Die Medien sprangen sofort darauf an. Was in der Berichterstattung unterging: Die Studie hatte erhebliche methodische Mängel. Sie wurde später von Fachleuten scharf kritisiert, und die Autoren mussten zwei Korrekturen veröffentlichen.
Was die Wissenschaft heute sagt
Die bisher grösste und wichtigste Studie zu diesem Thema ist die TRAVERSE-Studie, veröffentlicht 2023 im renommierten New England Journal of Medicine [1]:
- 5'246 Teilnehmer im Alter von 45–80 Jahren
- Nachbeobachtungszeit von durchschnittlich 33 Monaten
- Ergebnis: Kein erhöhtes Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall, Herztod) unter TRT im Vergleich zu einem Scheinmedikament
Auch eine grosse Auswertung von 35 Studien kam zum gleichen Schluss: Testosterontherapie bei Männern mit nachgewiesenem Mangel erhöht das Herz-Kreislauf-Risiko nicht [2].
Was die TRAVERSE-Studie zusätzlich zeigte
Die TRAVERSE-Studie lieferte nicht nur Daten zur kardiovaskulären Sicherheit, sondern auch wichtige Sekundärergebnisse. Eine Subanalyse von Bhasin et al. (2024) untersuchte die Wirkung von TRT auf depressive Symptome bei den 5'204 randomisierten Teilnehmern. Das Ergebnis: 50,8 % der Teilnehmer hatten klinisch relevante depressive Symptome — und TRT führte zu einer signifikant stärkeren Verbesserung von Stimmung und Energie im Vergleich zum Placebo [6]. Dies unterstreicht, dass TRT bei adäquater Indikation nicht nur sicher, sondern auch wirksam gegen Begleitsymptome des Hypogonadismus ist.
Wichtig: Diese Daten gelten für Männer mit nachgewiesenem Testosteronmangel, die unter ärztlicher Aufsicht behandelt werden. Eigenmedikation mit Testosteron in überhöhten Dosen ist eine völlig andere Situation.
Die europäische Perspektive: EAU 2025
Die aktualisierten Leitlinien der European Association of Urology (EAU 2025) bestätigen die kardiovaskuläre Sicherheit von TRT bei adäquat diagnostiziertem Late-Onset-Hypogonadismus und empfehlen, TRT als sichere Therapieoption für geeignete Patienten anzubieten [8].
Mythos 2: TRT verursacht Prostatakrebs
Der historische Hintergrund
Diese Sorge geht auf die Arbeiten von Charles Huggins zurück, der 1941 entdeckte, dass der Entzug von Testosteron bei Prostatakrebs-Patienten die Tumoren schrumpfen liess. Seitdem galt — fälschlicherweise — der Umkehrschluss: Wenn weniger Testosteron gut ist, muss mehr Testosteron schlecht sein.
Das Sättigungsmodell
Der Harvard-Urologe Abraham Morgentaler hat dieses Denken mit dem Sättigungsmodell grundlegend verändert [3]: Die Bindungsstellen für Testosteron in der Prostata sind schon bei relativ niedrigen Spiegeln "voll besetzt". Mehr Testosteron darüber hinaus hat keinen zusätzlichen Einfluss auf das Prostatagewebe — ähnlich wie ein Schwamm, der bereits vollgesaugt ist.
Aktuelle Studienlage
| Studie | Teilnehmer | Ergebnis |
|---|---|---|
| TRAVERSE-Studie (2023) [1] | 5'246 Männer | Kein erhöhtes Prostatakrebsrisiko unter TRT |
| Grosse Auswertung, Boyle (2016) [4] | 18 Studien, >5'000 Männer | Kein Zusammenhang zwischen TRT und Prostatakrebs |
| Pastuszak (2016) [5] | Über 1'000 Männer | Kein erhöhtes Risiko, auch bei Männern mit erhöhtem PSA-Ausgangswert |
Die aktuelle Position der Europäischen Urologen-Vereinigung (EAU): TRT ist bei Männern ohne aktiven Prostatakrebs nicht verboten. Auch Männer nach erfolgreich behandeltem Prostatakrebs können unter sorgfältiger Überwachung eine TRT erhalten.
Was wir empfehlen
- PSA-Bestimmung vor Therapiebeginn und danach regelmässig (alle 3–6 Monate im ersten Jahr)
- Rektale Untersuchung als Baseline
- Bei rasch steigendem PSA: urologische Abklärung
Mythos 3: TRT macht dauerhaft unfruchtbar
Was tatsächlich passiert
Wenn Testosteron von aussen zugeführt wird, „denkt" der Körper, es sei genug vorhanden, und fährt die eigene Produktion herunter — sowohl die Testosteronproduktion als auch die Spermienproduktion. Die Spermienzahl kann dadurch vorübergehend stark sinken — bis hin zum vollständigen Fehlen von Spermien.
Ist der Effekt umkehrbar?
In den allermeisten Fällen: Ja. Eine grosse Auswertung im renommierten Fachjournal The Lancet untersuchte die Erholung der Spermienproduktion nach dem Absetzen von Testosteron [7]:
- 67 % der Männer hatten innerhalb von 6 Monaten wieder eine normale Spermienzahl
- 90 % der Männer innerhalb von 12 Monaten
- 100 % innerhalb von 24 Monaten
Optionen für Männer mit Kinderwunsch
Männer, die einen Kinderwunsch haben oder diesen nicht ausschliessen können, müssen nicht auf eine Behandlung verzichten. Es gibt bewährte Alternativen:
- HCG (Humanes Choriongonadotropin): Ein Medikament, das die Hoden direkt stimuliert und so sowohl die Testosteronproduktion als auch die Spermienproduktion aufrechterhält
- Clomifen: Ein Medikament in Tablettenform, das den Körper dazu anregt, selbst mehr Testosteron zu produzieren — ohne die Spermienproduktion zu unterdrücken
- Kombination TRT + HCG: Testosterontherapie zusammen mit HCG, um die Hodenfunktion zu erhalten
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Tatsächliche Nebenwirkungen — und wie sie überwacht werden
TRT ist kein risikofreies Medikament — kein Medikament ist das. Aber die bekannten Nebenwirkungen sind gut verstanden, überwachbar und in den allermeisten Fällen beherrschbar.
Verdickung des Blutes (erhöhter Hämatokrit)
Was passiert: Testosteron regt die Bildung roter Blutkörperchen an. Bei manchen Patienten kann das Blut dadurch "dicker" werden als normal, was theoretisch das Risiko für Blutgerinnsel erhöht.
Häufigkeit: Ca. 5–20 % der Patienten, abhängig von der Art der Verabreichung und Dosis. Injektionen führen häufiger zu Hämatokrit-Anstiegen als Gels, da sie zu stärkeren Spiegelschwankungen führen.
Überwachung: Regelmässige Blutbildkontrolle. Wenn die Werte zu hoch werden (Hämatokrit >54 %): Dosisanpassung, Wechsel der Verabreichungsform oder therapeutische Blutspende (Phlebotomie).
Umwandlung in Östrogen
Was passiert: Der Körper kann einen Teil des Testosterons in Östrogen umwandeln. Wenn das Gleichgewicht kippt, kann es zu Brustdrüsenschwellung (Gynäkomastie), Wassereinlagerungen oder Stimmungsschwankungen kommen.
Überwachung: Östrogenwerte werden regelmässig im Blut kontrolliert. Bei erhöhten Werten kann ein Aromatase-Inhibitor verschrieben werden, der die Umwandlung bremst.
Hautnebenwirkungen
Was passiert: Testosteron stimuliert die Talgproduktion. Manche Patienten berichten über fettige Haut oder leichte Akne, insbesondere in den ersten Wochen der Behandlung.
Management: In der Regel mild und selbstlimitierend. Topische Hautpflege reicht meist aus.
Schlafapnoe
Was passiert: Es gibt Hinweise, dass TRT eine bestehende obstruktive Schlafapnoe verschlechtern kann. Bei Patienten ohne Vorgeschichte scheint kein erhöhtes Risiko zu bestehen.
Empfehlung: Bei bekannter Schlafapnoe oder typischen Symptomen (Schnarchen, Tagesmüdigkeit trotz ausreichend Schlaf) sollte vor Therapiebeginn eine schlafmedizinische Abklärung erfolgen.
Die Bedeutung der ärztlichen Begleitung
All diese Punkte unterstreichen eine zentrale Botschaft: TRT ist sicher, wenn sie korrekt durchgeführt wird. „Korrekt" bedeutet:
- Saubere Diagnostik — Zwei Laborbestimmungen an verschiedenen Tagen, morgens nüchtern, plus klinische Symptome
- Individuelle Dosierung — Ziel ist der physiologische Normalbereich, nicht das Maximum
- Regelmässiges Monitoring — Blutwerte alle 3 Monate in Jahr 1–2, danach alle 6 Monate bei stabilen Werten
- Anpassung der Therapie — Dosis, Verabreichungsform und Begleitmedikation werden bei Bedarf justiert
- Offene Kommunikation — Patienten müssen über Nebenwirkungen, Erwartungen und Alternativen aufgeklärt werden
Was TRT nicht ist
Es ist wichtig, klar zwischen medizinischer TRT und dem Missbrauch von Anabolika zu unterscheiden:
| Medizinische TRT | Anabolika-Missbrauch | |
|---|---|---|
| Ziel | Physiologischer Normalbereich | Supraphysiologische Werte |
| Dosis | 50–100 mg/Woche (typisch) | 500–2000+ mg/Woche |
| Überwachung | Regelmässige Blutkontrollen | Keine oder Selbstmonitoring |
| Substanzen | Reines Testosteron | Oft Cocktails verschiedener Steroide |
| Verschreibung | Ärztlich, nach Diagnostik | Illegaler Bezug |
| Risikoprofil | Gut verstanden, kontrollierbar | Erhebliche Gesundheitsrisiken |
FAQ
Erhöht TRT das Risiko für einen Herzinfarkt? Nein. Die TRAVERSE-Studie (2023) mit über 5'200 Teilnehmern — die grösste randomisierte Studie zu diesem Thema — zeigte kein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulären Tod unter TRT [1]. Auch grosse Metaanalysen kommen zum gleichen Ergebnis [2].
Kann TRT Prostatakrebs verursachen? Die aktuelle Evidenz zeigt keinen Zusammenhang zwischen TRT und einem erhöhten Prostatakrebsrisiko. Das Sättigungsmodell von Morgentaler erklärt, warum: Die Androgenrezeptoren der Prostata sind bereits bei niedrigen Testosteronspiegeln gesättigt [3]. Regelmässige PSA-Kontrollen bleiben dennoch Bestandteil der TRT-Überwachung.
Welche Nebenwirkungen hat TRT tatsächlich? Die häufigsten Nebenwirkungen sind Hämatokrit-Anstieg (5–20 %), Akne in den ersten Wochen, und eine mögliche Östrogenerhöhung. Alle diese Nebenwirkungen sind gut überwachbar und behandelbar. Schwere Nebenwirkungen sind bei korrekt dosierter TRT unter ärztlicher Aufsicht selten.
Macht TRT dauerhaft unfruchtbar? Nein. Die Spermienproduktion wird unter TRT unterdrückt, ist aber in über 90 % der Fälle innerhalb von 12 Monaten nach Absetzen vollständig wiederhergestellt [7]. Für Männer mit Kinderwunsch stehen HCG und Clomifen als fertilitätserhaltende Alternativen zur Verfügung.
Fazit
Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte zeichnet ein klares Bild: Testosteron-Ersatztherapie ist bei nachgewiesenem Testosteronmangel und unter ärztlicher Aufsicht eine sichere und wirksame Behandlung. Die alten Mythen von Herzinfarkten und Prostatakrebs sind durch grosse, hochwertige Studien widerlegt.
Das bedeutet nicht, dass TRT risikofrei ist — kein Medikament ist das. Aber die bekannten Nebenwirkungen sind gut verstanden, überwachbar und behandelbar. Die Entscheidung für oder gegen eine TRT sollte auf Fakten basieren, nicht auf veralteten Ängsten.
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Facharzt Allgemeine Innere Medizin · Medizinische Leitung
Dieser Artikel wurde von Dr. Ramadan auf medizinische Richtigkeit geprüft. Er orientiert sich am aktuellen Stand der Forschung und an internationalen Leitlinien.
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Quellen
- [1]Lincoff AM et al. (2023). Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy. *N Engl J Med*, 389(2), 107–117
- [2]Corona G et al. (2018). Testosterone and Cardiovascular Risk: Meta-Analysis of Interventional Studies. *J Sex Med*, 15(6), 820–838
- [3]Morgentaler A, Traish AM (2009). Shifting the paradigm of testosterone and prostate cancer: the saturation model and the limits of androgen-dependent growth. *Eur Urol*, 55(2), 310–320
