Ein jährliches Blutbild gehört für viele Männer nicht zum Standardprogramm — obwohl es eine der effektivsten Massnahmen zur Gesundheitsvorsorge ist. Ab 30 beginnen zahlreiche physiologische Veränderungen: Der Testosteronspiegel sinkt um etwa 1–2 % pro Jahr, der Stoffwechsel verlangsamt sich, und das Risiko für metabolische und kardiovaskuläre Erkrankungen steigt.
Das Problem: Viele dieser Veränderungen verlaufen schleichend und ohne offensichtliche Symptome — bis ein kritischer Schwellenwert erreicht ist. Ein gezieltes Blutbild kann subklinische Veränderungen frühzeitig erkennen, bevor sie zu echten Gesundheitsproblemen werden.
Dieser Ratgeber erklärt die 10 wichtigsten Blutwerte für Männer über 30 — was sie messen, was die Normwerte sind und wann Sie handeln sollten.
1. Gesamt-Testosteron
Was es misst: Die Gesamtmenge an Testosteron im Blut — gebunden und frei. Testosteron ist das zentrale Androgen und beeinflusst Muskelmasse, Libido, Stimmung, Energielevel und kognitive Funktion.
Normbereich: 10,4–34,7 nmol/l (Endocrine Society). Ab 30 sinkt der Spiegel um ca. 1–2 % pro Jahr (Travison et al., 2007).
Wann handeln: Bei Werten unter 12 nmol/l in Kombination mit Symptomen (Müdigkeit, Libidoverlust, Konzentrationsschwäche) sollte eine weitere Abklärung erfolgen. Detaillierte Informationen finden Sie in unserem Artikel über Testosteron ab 30.
2. Freies Testosteron
Was es misst: Den biologisch aktiven Anteil des Testosterons — nur 1–3 % der Gesamtmenge, aber den klinisch entscheidenden Wert. Das Gesamt-Testosteron kann normal sein, während das freie Testosteron niedrig ist — insbesondere bei erhöhtem SHBG.
Normbereich: 220–700 pmol/l (altersabhängig). Die detaillierten Referenztabellen finden Sie in unserem Artikel über freies vs. Gesamt-Testosteron.
Wann handeln: Bei einem berechneten freien Testosteron unter 220 pmol/l und passenden Symptomen spricht die European Male Ageing Study (EMAS) von einem behandlungsbedürftigen Hypogonadismus (Wu et al., 2010).
3. SHBG (Sexualhormon-bindendes Globulin)
Was es misst: Die Menge des Transportproteins, das Testosteron im Blut bindet und damit inaktiviert. SHBG ist der entscheidende Faktor für das Verhältnis zwischen Gesamt- und freiem Testosteron.
Normbereich: 20–50 nmol/l.
Wann handeln: Erhöhtes SHBG (über 50 nmol/l) kann trotz normalem Gesamt-Testosteron zu einem funktionellen Testosteronmangel führen. Ursachen: Alter, Schilddrüsenüberfunktion, Lebererkrankungen, bestimmte Medikamente. Erniedrigtes SHBG (unter 20 nmol/l) tritt bei Adipositas, Insulinresistenz und Diabetes auf.
4. LH und FSH (Gonadotropine)
Was sie messen: LH (luteinisierendes Hormon) und FSH (follikelstimulierendes Hormon) sind Hypophysenhormone, die die Hodenfunktion steuern. Sie unterscheiden zwischen primärem Hypogonadismus (Hoden produzieren zu wenig Testosteron, LH/FSH erhöht) und sekundärem Hypogonadismus (Hypophyse sendet zu wenig Signal, LH/FSH normal oder niedrig).
Normbereich: LH: 1,5–9,3 IU/L; FSH: 1,4–18,1 IU/L.
Wann handeln: Niedriges Testosteron + niedriges LH deutet auf einen sekundären Hypogonadismus hin, der weitere diagnostische Abklärung erfordert. Niedriges Testosteron + hohes LH bestätigt einen primären Hypogonadismus. Beide Formen sind medizinisch behandelbar — Ihr Arzt bei Swiss TRT beurteilt die Konstellation im Gesamtkontext.
5. Hämatokrit und Hämoglobin
Was sie messen: Hämatokrit (Anteil der roten Blutkörperchen am Blutvolumen) und Hämoglobin (Sauerstofftransportprotein). Unter TRT steigt der Hämatokrit typischerweise an — dies ist die häufigste Nebenwirkung und erfordert regelmässige Überwachung.
Normbereich: Hämatokrit: 38–52 %; Hämoglobin: 13,5–17,5 g/dl.
Wann handeln: Ein Hämatokrit über 54 % unter TRT erfordert eine Dosisanpassung oder Therapiepause. Erhöhte Werte ohne TRT können auf Dehydrierung, Schlafapnoe oder chronische Lungenerkrankungen hinweisen. Dieser Wert wird bei jeder TRT-Verlaufskontrolle routinemässig kontrolliert.
6. PSA (Prostata-spezifisches Antigen)
Was es misst: Ein Protein, das von der Prostata produziert wird. Erhöhte PSA-Werte können auf verschiedene Prostataerkrankungen hinweisen — von gutartiger Vergrösserung (BPH) bis zu Prostatakrebs. PSA ist ein wichtiger Screening-Wert unter TRT, obwohl die TRAVERSE-Studie kein erhöhtes Prostatakrebsrisiko unter TRT zeigte.
Normbereich: Unter 4,0 ng/ml (altersabhängig; bei Männern unter 50: unter 2,5 ng/ml empfohlen).
Wann handeln: Ein PSA-Anstieg von mehr als 1,4 ng/ml innerhalb von 12 Monaten oder ein absoluter Wert über 4,0 ng/ml erfordert eine urologische Abklärung — unabhängig davon, ob eine TRT besteht oder nicht. Vor Beginn einer TRT ist ein Baseline-PSA Pflicht.
7. HbA1c (Langzeit-Blutzucker)
Was es misst: Den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel der letzten 2–3 Monate. Der HbA1c ist der zuverlässigste Marker für die Stoffwechselgesundheit und ein Frühindikator für Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes — beides Risikofaktoren für niedrigen Testosteron.
Normbereich: Unter 5,7 % (normal); 5,7–6,4 % (Prädiabetes); über 6,5 % (Diabetes).
Wann handeln: Werte im prädiabetischen Bereich sind ein Warnsignal und ein wichtiger Anlass, Ernährung, Bewegung und Körpergewicht zu optimieren. Insulinresistenz senkt SHBG und beeinflusst die Testosteronproduktion — die Themen sind direkt verknüpft.
8. Lipidprofil (Cholesterin)
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Was es misst: LDL-Cholesterin ("schlechtes"), HDL-Cholesterin ("gutes"), Gesamt-Cholesterin und Triglyzeride. Das Lipidprofil ist ein zentraler Marker für das kardiovaskuläre Risiko.
Normbereich: Gesamt-Cholesterin: unter 5,2 mmol/l; LDL: unter 3,4 mmol/l; HDL: über 1,0 mmol/l; Triglyzeride: unter 1,7 mmol/l.
Wann handeln: Erhöhtes LDL oder Triglyzeride in Kombination mit niedrigem HDL erhöhen das kardiovaskuläre Risiko signifikant. Niedrige Testosteronspiegel sind mit ungünstigeren Lipidprofilen assoziiert — die TRT kann hier einen positiven Einfluss haben (Bhasin et al., 2018).
9. TSH (Schilddrüse)
Was es misst: TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) steuert die Schilddrüsenfunktion. Schilddrüsenerkrankungen sind bei Männern unterdiagnostiziert und können Symptome verursachen, die einem Testosteronmangel ähneln: Müdigkeit, Gewichtszunahme, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmung.
Normbereich: 0,4–4,0 mU/l.
Wann handeln: Erhöhtes TSH (über 4,0 mU/l) deutet auf eine Hypothyreose hin. Auch eine Schilddrüsenüberfunktion (TSH unter 0,4 mU/l) ist relevant, da sie den SHBG-Spiegel erhöht und damit das freie Testosteron senken kann. Eine Schilddrüsenfunktionsstörung sollte immer vor oder parallel zu einer TRT-Diagnose abgeklärt werden.
10. Vitamin D
Was es misst: Den Serumspiegel von 25-Hydroxyvitamin D — ein Hormon (nicht nur ein Vitamin), das für Knochengesundheit, Immunfunktion und Testosteronproduktion relevant ist. In der Schweiz ist ein Vitamin-D-Mangel aufgrund der geographischen Lage extrem häufig — besonders in den Wintermonaten.
Normbereich: 75–150 nmol/l (30–60 ng/ml).
Wann handeln: Werte unter 50 nmol/l (20 ng/ml) gelten als Mangel und sollten supplementiert werden. Mehrere Studien zeigen eine positive Korrelation zwischen Vitamin-D-Spiegel und Testosteron. Eine Korrektur eines Vitamin-D-Mangels allein kann den Testosteronspiegel moderat verbessern — insbesondere bei Männern mit nachgewiesenem Mangel.
Das optimale Blutbild-Panel
Für eine vollständige Beurteilung der Hormon- und Stoffwechselgesundheit empfehlen wir ein erweitertes Panel, das über die Standard-Hausarzt-Blutabnahme hinausgeht:
| Kategorie | Parameter |
|---|---|
| Hormone | Gesamt-Testosteron, SHBG, freies Testosteron (berechnet), LH, FSH, TSH |
| Blutbild | Hämatokrit, Hämoglobin, Erythrozyten |
| Stoffwechsel | HbA1c, Nüchternglukose, Lipidprofil |
| Organe | Leberwerte (GOT, GPT, GGT), Kreatinin, PSA |
| Vitamine | Vitamin D (25-OH) |
Bei Swiss TRT wird dieses erweiterte Panel im Rahmen der Erstdiagnostik standardmässig angeordnet — für eine fundierte und umfassende Beurteilung Ihres Gesundheitsstatus.
Warum proaktives Monitoring wichtig ist
Viele Männer warten, bis Symptome unerträglich werden, bevor sie ein Blutbild veranlassen. Dabei zeigen subklinische Veränderungen — also Abweichungen, die noch keine spürbaren Symptome verursachen — oft Jahre vor dem Auftreten von Beschwerden messbare Auffälligkeiten im Blut. Ein leicht sinkender Testosteronspiegel, ein steigender HbA1c oder ungünstige Lipidwerte sind Warnsignale, die frühzeitig erkannt und adressiert werden können. Die Kosten für ein jährliches Blutbild stehen in keinem Verhältnis zu den gesundheitlichen und finanziellen Folgen einer spät diagnostizierten Erkrankung. Prävention ist messbar wirksamer als Reaktion — und ein gut dokumentierter Verlauf über mehrere Jahre ermöglicht es Ihrem Arzt, individuelle Trends zu erkennen, die ein einzelner Laborwert niemals zeigen kann.
FAQ
Wie oft sollte ich ein Blutbild machen lassen?
Für Männer über 30 ohne bekannte Vorerkrankungen empfehlen wir ein umfassendes Blutbild mindestens einmal pro Jahr. Bei bestehender TRT erfolgen Kontrollen nach 6 Wochen, dann alle 3–6 Monate. Wenn Sie bestimmte Risikofaktoren haben (Übergewicht, familiäre Belastung, chronischer Stress), kann ein halbjährliches Screening sinnvoll sein. Unser Online-Selbsttest hilft, einzuschätzen, ob ein zeitnahes Blutbild empfehlenswert ist.
Muss ich nüchtern sein für die Blutabnahme?
Für die Testosteronbestimmung: ja, idealerweise nüchtern und morgens zwischen 7:00 und 10:00 Uhr. Testosteron folgt einem zirkadianen Rhythmus mit morgendlichem Maximum. Auch der HbA1c und das Lipidprofil werden nüchtern bestimmt. Eine Nüchternphase von 8–12 Stunden vor der Blutabnahme ist optimal. Wasser trinken ist erlaubt und sogar empfohlen — es erleichtert die Blutentnahme.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für ein erweitertes Blutbild?
In der Schweiz werden diagnostische Blutuntersuchungen von der Grundversicherung übernommen, wenn eine medizinische Indikation vorliegt — also wenn ein Arzt die Untersuchung aufgrund von Symptomen oder Risikofaktoren anordnet. Ein „Wunsch-Blutbild" ohne ärztliche Indikation wird nicht erstattet. Bei einer Konsultation über Swiss TRT ordnet Ihr Arzt die medizinisch indizierten Parameter an, die dann regulär über die Versicherung abgerechnet werden.
Was mache ich, wenn einzelne Werte auffällig sind?
Einzelne auffällige Werte sollten immer im Kontext interpretiert werden — nicht isoliert. Ein leicht erhöhter PSA kann durch Sport, Geschlechtsverkehr oder eine banale Prostataentzündung verursacht sein. Ein leicht niedriges Testosteron an einem einzelnen Tag kann Stress, Schlafmangel oder eine Erkältung widerspiegeln. Deshalb werden bei Verdacht auf Testosteronmangel immer mindestens zwei morgendliche Messungen durchgeführt. Bei auffälligen Befunden bespricht Ihr Arzt die Ergebnisse und empfiehlt das weitere Vorgehen.
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Facharzt Allgemeine Innere Medizin · Medizinische Leitung
Dieser Artikel wurde von Dr. Ramadan auf medizinische Richtigkeit geprüft. Er orientiert sich am aktuellen Stand der Forschung und an internationalen Leitlinien.
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Quellen
- [1]Bhasin S et al. „Testosterone therapy in men with hypogonadism: an Endocrine Society clinical practice guideline." J Clin Endocrinol Metab. 2018;103(5):1715-1744. PubMed
- [2]Travison TG et al. „A population-level decline in serum testosterone levels in American men." J Clin Endocrinol Metab. 2007;92(1):196-202. PubMed
- [3]Wu FC et al. „Identification of Late-Onset Hypogonadism in Middle-Aged and Elderly Men." N Engl J Med. 2010;363(2):123-135. PubMed
