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Testosteron und Diabetes: was die Therapie am Zucker ändert

Testosteronmangel und Typ-2-Diabetes verstärken sich gegenseitig. Was eine Therapie am Blutzucker ändert, was sie nicht kann und worauf zu achten ist.

Medizinisch geprüft von Dr. med. Hassan Ramadan

Facharzt Allgemeine Innere Medizin (FMH) · Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2026

Testosteron und Typ-2-Diabetes – Blutzucker, Insulinresistenz und Therapie

Der Befund kommt oft doppelt. Der Hausarzt schickt Sie wegen erhöhter Zuckerwerte zur Kontrolle, und weil Sie über Müdigkeit und Antriebslosigkeit klagen, bestimmt er zusätzlich das Testosteron. Beide Werte sind auffällig, und dann sitzen zwei Diagnosen auf einem Tisch, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben.

Sie haben sehr viel miteinander zu tun. Der Zusammenhang läuft in beide Richtungen, und seit einer australischen Studie mit über tausend Männern weiss man, dass er sich auch in beide Richtungen beeinflussen lässt.

Warum die beiden zusammenhängen

Männer mit Übergewicht haben häufig niedrige Testosteronwerte, und niedrige Werte gehen mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes einher [1]. Dahinter stehen mehrere Mechanismen, die sich gegenseitig verstärken.

Fettgewebe, besonders am Bauch, ist der Hauptort der Aromatase. Dieses Enzym wandelt Testosteron in Östradiol um, was den Testosteronspiegel senkt. Gleichzeitig fördert Bauchfett die Insulinresistenz. Und weniger Testosteron bedeutet weniger Muskelmasse, also weniger Gewebe, das Zucker aufnimmt.

So entsteht ein Kreis: Bauchumfang hoch, Testosteron runter, Insulinresistenz hoch, Muskelmasse runter, Bauchumfang weiter hoch. Wer diesen Kreis nur an einer Stelle angeht, arbeitet gegen die anderen Stellen.

Die Studie, die die Richtung umgedreht hat

Lange war offen, ob Testosteron am Zucker überhaupt etwas ändert oder ob der tiefe Wert nur die Folge des Übergewichts ist. Die T4DM-Studie hat das geprüft, und zwar sauber [1].

Eingeschlossen waren 1007 Männer zwischen 50 und 74 Jahren mit einem Bauchumfang von mindestens 95 Zentimetern, einem Testosteronwert bis 14,0 nmol/l und entweder einer gestörten Glukosetoleranz oder einem neu festgestellten Typ-2-Diabetes. Alle Teilnehmer wurden in ein Lebensstilprogramm aufgenommen. Zusätzlich erhielten sie über zwei Jahre entweder Testosteronundecanoat oder ein Scheinpräparat.

Das Ergebnis nach zwei Jahren:

EndpunktPlaceboTestosteron
Typ-2-Diabetes im Zuckerbelastungstest21 %12 %
Relatives Risiko0,59 (0,43–0,80)
Änderung des 2-Stunden-Glukosewerts−0,95 mmol/l−1,70 mmol/l

Das heisst: Von hundert Männern, die trotz Lebensstilprogramm in den Diabetes gelaufen wären, blieben rund vierzig davon verschont. Bemerkenswert ist ausserdem, dass der Effekt unabhängig vom Ausgangswert des Testosterons war [1].

Zwei Einschränkungen gehören unbedingt dazu. Erstens hatten diese Männer keinen krankhaften Hypogonadismus, sondern lediglich Werte im unteren Bereich. Es ging um Vorbeugung, nicht um die Behandlung eines Mangels. Zweitens endete die Studie nach zwei Jahren, und ob der Effekt darüber hinaus anhält, ist offen.

Der Preis in dieser Studie war der Hämatokrit

Ein Ergebnis der Studie wird selten mitzitiert, obwohl es das praktisch wichtigste ist. Die Sicherheitsschwelle eines Hämatokrits über 54 Prozent wurde in der Placebogruppe von 1 Prozent der Männer erreicht, in der Testosterongruppe von 22 Prozent [1].

Das ist mehr als ein Fünftel und deutlich mehr, als man aus dem Alltag mit Gelen kennt. Der Grund liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit im Präparat: 1000 Milligramm Testosteronundecanoat als Depotspritze alle drei Monate erzeugen hohe Spitzen, und Spitzen treiben die Blutbildung. Warum das so ist und was man dagegen tut, steht in Hämatokrit unter TRT.

Für Sie folgt daraus nicht, dass die Therapie gefährlich ist, sondern dass die Verabreichungsform und die Kontrolldichte in dieser Gruppe besonders zählen.

Was bei bestehendem Diabetes und Mangel messbar ist

T4DM betraf die Vorbeugung. Für Männer, die beides schon haben, einen Diabetes und einen nachgewiesenen Mangel, gibt es eine Meta-Analyse aus fünf randomisierten Studien mit 351 Teilnehmern und einer mittleren Beobachtungsdauer von 6,5 Monaten [2]:

  • HbA1c: −0,87 Prozentpunkte
  • Nüchternglukose: −1,10 mmol/l
  • Nüchterninsulin: −2,73
  • Triglyzeride: −0,35 mmol/l

Der HbA1c-Wert ist der aussagekräftigste davon, und ein Rückgang um 0,87 Prozentpunkte liegt in der Grössenordnung, die man von einem zusätzlichen Diabetesmedikament erwartet. Blutdruck und die übrigen Blutfette veränderten sich nicht bedeutsam.

Die Autoren betonen selbst die schmale Grundlage: fünf Studien, 351 Männer, ein halbes Jahr. Das ist ein Hinweis, keine Gewissheit, und es ersetzt keine Diabetestherapie.

Die Messfalle bei Diabetes und Übergewicht

Hier wird häufig falsch abgeklärt. Übergewicht und Typ-2-Diabetes senken das SHBG, jenes Transportprotein, an das der grösste Teil des Testosterons im Blut gebunden ist. Sinkt SHBG, sinkt automatisch auch das Gesamttestosteron, während das freie, tatsächlich wirksame Testosteron im Normbereich liegen kann.

Deshalb gehört bei diesen Patienten das freie Testosteron oder mindestens SHBG mitbestimmt, statt allein aus dem Gesamtwert zu schliessen [4]. Wie die beiden Werte zusammenhängen, ist in Freies vs. Gesamt-Testosteron beschrieben.

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Umgekehrt gilt genauso: Ein normaler Gesamtwert kann bei hohem SHBG einen echten Mangel verdecken. Ohne diese zweite Zahl ist die Beurteilung bei Diabetes unvollständig.

GLP-1-Agonisten verändern die Lage

Viele Männer mit Typ-2-Diabetes nehmen heute einen GLP-1-Agonisten wie Semaglutid, sei es für den Blutzucker oder für das Gewicht. Das ist für die Hormonfrage relevant.

Eine Meta-Analyse von 2025 hat vier Untersuchungen mit 219 Patienten zusammengefasst. Unter GLP-1-Agonisten stieg das bioverfügbare Testosteron und der HbA1c sank; beim freien Testosteron und beim SHBG blieben die Ergebnisse unklar. Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass dieser Zusammenhang noch in keiner Leitlinie abgebildet ist und grössere Studien nötig sind [3].

Praktisch heisst das: Wenn Sie neu mit einem GLP-1-Agonisten beginnen und deutlich Gewicht verlieren, kann sich der Testosteronwert von selbst verbessern. Eine Hormontherapie in diesem Moment zu starten, kann eine Verbesserung verdecken, die auch ohne sie eingetreten wäre. Die Reihenfolge lohnt sich also. Was Gewichtsabnahme realistisch bringt, steht in Testosteron natürlich steigern.

Sicherheit in einer Risikogruppe

Männer mit Typ-2-Diabetes gehören fast immer zur kardiovaskulären Risikogruppe, und genau diese Gruppe wurde in der grössten Sicherheitsstudie zur Testosterontherapie untersucht. TRAVERSE schloss 5246 Männer mit Herz-Kreislauf-Vorerkrankung oder erhöhtem Risiko ein. Beim Hauptendpunkt aus Herztod, Herzinfarkt und Schlaganfall war Testosteron dem Placebo nicht unterlegen, 7,0 gegen 7,3 Prozent. Häufiger waren Vorhofflimmern, akutes Nierenversagen und Lungenembolien [5].

Das ist die belastbarste Grundlage, die es gibt, und sie trägt die Therapie. Sie ist gleichzeitig der Grund, weshalb bei Diabetikern nicht nur der Zucker, sondern auch Blutbild und Rhythmus im Blick bleiben.

Was das praktisch heisst

Eine sinnvolle Reihenfolge für Männer mit beidem:

  1. Gewicht und Bewegung zuerst. In T4DM waren alle Teilnehmer im Lebensstilprogramm; Testosteron wirkte zusätzlich, nicht anstelle [1].
  2. Den Diabetes leitliniengerecht behandeln. Eine Hormontherapie ist kein Diabetesmedikament, auch wenn sie den HbA1c senkt [2].
  3. Richtig messen. Zwei Morgenwerte, dazu freies Testosteron oder SHBG [4].
  4. Bei nachgewiesenem Mangel plus Beschwerden behandeln, mit häufigeren kleineren Gaben statt Dreimonatsdepots.
  5. Hämatokrit engmaschig kontrollieren, gerade in dieser Gruppe [1].

Ein häufiger Begleiter verdient noch eine eigene Zeile: Erektionsstörungen sind bei Diabetes verbreitet, und der Effekt einer Hormontherapie darauf fällt bei Diabetes und Übergewicht geringer aus als bei Männern ohne diese Begleiterkrankungen [6]. Das ist kein Argument gegen die Therapie, sondern eines dafür, die Stoffwechsellage mitzubehandeln. Die Abgrenzung dazu steht in Erektile Dysfunktion oder Testosteronmangel.

Wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Beschwerden zum Hormonhaushalt passen, gibt der Online-Selbsttest einen ersten Anhaltspunkt. Die Einordnung von Zucker- und Hormonwerten gemeinsam gehört ins Gespräch, und das lässt sich per Telemedizin organisieren.

FAQ

Senkt Testosteron den Blutzucker?

Bei Männern mit Typ-2-Diabetes und nachgewiesenem Mangel ja, messbar. Eine Meta-Analyse aus fünf randomisierten Studien fand einen Rückgang des HbA1c um 0,87 Prozentpunkte und der Nüchternglukose um 1,10 mmol/l [2]. Die Datenbasis ist mit 351 Männern und einem halben Jahr Beobachtung allerdings schmal.

Kann Testosteron Diabetes verhindern?

In einer Studie über zwei Jahre mit 1007 Männern hat es das Risiko deutlich gesenkt: 12 gegen 21 Prozent im Zuckerbelastungstest, zusätzlich zu einem Lebensstilprogramm [1]. Wichtig ist der Zusatz „zusätzlich": Die Vergleichsgruppe hatte dasselbe Programm. Ob der Effekt über zwei Jahre hinaus anhält, ist nicht geklärt.

Mein Gesamttestosteron ist tief, mein Arzt sagt, das sei bei Diabetes normal. Stimmt das?

Zum Teil. Übergewicht und Diabetes senken das SHBG, wodurch das Gesamttestosteron sinkt, während das freie Testosteron normal sein kann. Deshalb gehört das freie Testosteron oder SHBG mitbestimmt [4]. Ein tiefer Gesamtwert allein beweist bei Ihnen weder einen Mangel noch schliesst ein normaler einen aus.

Ich nehme Semaglutid. Soll ich mit der Hormontherapie warten?

Häufig lohnt sich das. Unter GLP-1-Agonisten stieg in einer Zusammenfassung von vier Untersuchungen das bioverfügbare Testosteron, und der HbA1c sank [3]. Wenn Sie deutlich abnehmen, kann sich der Wert von selbst verbessern. Ein zweiter Wert nach einigen Monaten Gewichtsverlust ist die bessere Entscheidungsgrundlage.

Ist die Therapie bei Diabetes gefährlich?

Kardiovaskulär nicht: In der grössten Studie mit 5246 Männern mit Herz-Kreislauf-Risiko war Testosteron dem Placebo beim Hauptendpunkt nicht unterlegen [5]. Zu beachten ist der Hämatokrit, der in der Diabetes-Vorbeugungsstudie bei 22 Prozent der Behandelten die Sicherheitsschwelle erreichte, gegenüber 1 Prozent unter Placebo [1].

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Medizinisch geprüft
Dr. med. Hassan Ramadan
Dr. med. Hassan Ramadan

Facharzt Allgemeine Innere Medizin · behandelnder Arzt

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Quellen

  1. [1]Wittert G et al. „Testosterone treatment to prevent or revert type 2 diabetes in men enrolled in a lifestyle programme (T4DM): a randomised, double-blind, placebo-controlled, 2-year, phase 3b trial." Lancet Diabetes Endocrinol. 2021;9(1):32-45. PubMed
  2. [2]Cai X et al. „Metabolic effects of testosterone replacement therapy on hypogonadal men with type 2 diabetes mellitus: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials." Asian J Androl. 2014;16(1):146-152. PubMed
  3. [3]Orra SH et al. „Effect of GLP-1 agonists on testosterone levels: a systematic review and meta-analysis." BMC Urol. 2025;25(1):311. PubMed

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