Die Frage, ob Testosteron-Ersatztherapie (TRT) das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht, beschäftigt Patienten und Ärzte seit über einem Jahrzehnt. Während die TRAVERSE-Studie (2023) bereits Entwarnung gab, sind seither gleich vier neue Meta-Analysen erschienen, die die Datenlage nochmals deutlich verstärken. Wir fassen die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
Warum die Frage überhaupt aufkam
Die Debatte begann 2010 mit der sogenannten TOM-Studie, die bei älteren, gebrechlichen Männern mehr kardiovaskuläre Zwischenfälle unter Testosteron als unter Placebo beobachtete. 2013 und 2014 folgten zwei retrospektive Beobachtungsstudien (Vigen et al. und Finkle et al.), die einen möglichen Zusammenhang zwischen TRT und Herzinfarkt suggerierten. Die Medien griffen das Thema weltweit auf.
Das Problem: Alle drei Studien hatten erhebliche methodische Schwächen — kleine Stichproben, keine Randomisierung, fehlerhafte statistische Auswertung. Die Autoren der Vigen-Studie mussten nach Kritik durch die Fachgemeinschaft sogar zwei offizielle Korrekturen veröffentlichen. Dennoch hielt sich die Angst bei Patienten und Ärzten über Jahre.
Es brauchte grosse, randomisierte, placebokontrollierte Studien, um die Frage endgültig zu klären. Genau das lieferten die TRAVERSE-Studie und die vier folgenden Meta-Analysen.
Die TRAVERSE-Studie als Wendepunkt
Die im New England Journal of Medicine publizierte TRAVERSE-Studie (2023) war die erste randomisierte Studie, die gezielt das kardiovaskuläre Sicherheitsprofil von TRT untersuchte. Mit 5'246 Teilnehmern über einen medianen Zeitraum von 33 Monaten kam sie zum Schluss: TRT erhöht das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärer Tod) nicht [5].
Diese Studie war deshalb so wichtig, weil sie genau die Patientengruppe untersuchte, bei der das Risiko am grössten vermutet wurde: Männer zwischen 45 und 80 Jahren mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder erhöhtem Risikoprofil.
Die vier neuen Meta-Analysen im Überblick
1. Braga et al. (2025) — Langzeit-Sicherheit
Die aktuellste Meta-Analyse untersuchte die langfristige kardiovaskuläre Sicherheit bei Männern mittleren und höheren Alters. Die Auswertung randomisierter kontrollierter Studien (RCTs) kommt zum Schluss: TRT ist auch über längere Behandlungszeiträume nicht mit einem erhöhten Herzrisiko verbunden [1].
Besonders relevant ist der Langzeitaspekt: Während frühere Studien oft nur Wochen oder wenige Monate abdeckten, bestätigt diese Analyse die Sicherheit über Jahre hinweg — ein zentraler Punkt für Patienten, die TRT langfristig einsetzen.
2. Corona et al. (2024) — Systematische Auswertung
Eine italienische Forschergruppe um Giovanni Corona wertete 106 Studien mit insgesamt 15'436 Teilnehmern aus (8'126 TRT, 7'310 Placebo). Das Ergebnis [2]:
- Kein erhöhtes Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (Herzinfarkt, Schlaganfall, Herztod)
- Kein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern (trotz Bedenken aus einzelnen Studien)
- Fazit der Autoren: «Available data confirm that TRT is safe and it is not related to an increased CV risk.»
Was diese Analyse besonders stark macht: Der enorme Umfang von über 100 Studien und die Tatsache, dass verschiedene Subgruppen (Alter, Vorerkrankungen, Therapiedauer) separat ausgewertet wurden — in keiner Subgruppe zeigte sich ein erhöhtes Risiko.
3. Jaiswal et al. (2024) — 30 randomisierte Studien
Diese Meta-Analyse schloss 30 RCTs mit 11'502 Patienten ein und analysierte mehrere Endpunkte separat [3]:
| Endpunkt | Odds Ratio (95%-KI) | p-Wert | Interpretation |
|---|---|---|---|
| Jedes kardiovaskuläre Ereignis | 1,12 (0,77–1,62) | 0,55 | Kein Unterschied |
| Schlaganfall | 1,01 (0,68–1,51) | 0,94 | Kein Unterschied |
| Herzinfarkt | 1,05 (0,76–1,45) | 0,77 | Kein Unterschied |
| Gesamtmortalität | 0,94 (0,76–1,17) | 0,57 | Kein Unterschied |
| Kardiovaskuläre Mortalität | 0,87 (0,65–1,15) | 0,31 | Tendenz zugunsten TRT |
Keine einzige Analyse zeigte ein erhöhtes Risiko unter TRT. Der Trend bei der kardiovaskulären Mortalität — eine um 13 % niedrigere Rate unter TRT — erreichte zwar keine statistische Signifikanz, deutet aber eher auf eine schützende als eine schädliche Wirkung hin.
4. Cannarella et al. (2023) — Thromboembolien
Speziell zur Frage, ob TRT das Risiko für Blutgerinnsel (Thrombosen, Lungenembolien) erhöht, wertete ein sizilianisches Team um Cannarella Daten von über 310'000 Patienten aus [4]:
- Kein erhöhtes Risiko für arterielle Thrombosen (OR 1,27, p = 0,64)
- Kein erhöhtes Risiko für Schlaganfall (OR 1,34, p = 0,83)
- Kein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt (OR 0,51, p = 0,39)
- Kein erhöhtes Risiko für venöse Thromboembolien (OR 1,42, p = 0,71)
Die Beobachtungsstudien zeigten sogar eine signifikante Reduktion des Thromboserisikos und der Mortalität unter TRT. Die Erklärung: Testosteron verbessert bei hypogonadalen Männern die Endothelfunktion, den Fettstoffwechsel und die Insulinsensitivität — alles Faktoren, die das kardiovaskuläre Risiko senken.
Was die Studien nicht zeigen
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Bei aller positiven Evidenz ist es wichtig, die Grenzen der aktuellen Datenlage zu kennen:
- Supraphysiologische Dosen: Alle Studien untersuchten TRT im physiologischen Bereich. Über die Auswirkungen von Testosteron-Dosierungen, die weit über den Normbereich hinausgehen (wie sie im Bodybuilding vorkommen), sagen sie nichts aus. Supraphysiologische Dosen sind nachweislich mit kardiovaskulären Risiken verbunden.
- Sehr lange Laufzeiten: Die längste Studie (TRAVERSE) lief 33 Monate. Daten über 10 oder 20 Jahre TRT gibt es noch nicht — allerdings zeigen die Langzeit-Beobachtungsstudien (Cannarella et al.) eher einen positiven Trend.
- Junge Männer unter 40: Die meisten Studienteilnehmer waren über 45 Jahre alt. Für jüngere Männer mit Hypogonadismus gibt es weniger spezifische Daten, obwohl kein Grund für eine unterschiedliche Risikoeinschätzung besteht.
- Frauen und trans Männer: Die Studien untersuchten ausschliesslich cisgender Männer. Für andere Populationen gelten möglicherweise andere Risikoprofile.
Diese Einschränkungen ändern nichts am Kernbefund, aber sie zeigen, warum ein individuelles ärztliches Monitoring auch bei günstiger Studienlage unverzichtbar bleibt.
Was bedeutet das für Patienten?
Die Datenlage 2024/25 ist so eindeutig wie nie zuvor:
TRT bei nachgewiesenem Testosteronmangel, unter ärztlicher Aufsicht und mit regelmässiger Blutkontrolle, ist kardiovaskulär sicher. Vier unabhängige Forschergruppen kommen auf Basis von über 15'000 Studienteilnehmern zum gleichen Schluss.
Das bedeutet nicht, dass TRT risikofrei ist — regelmässige Kontrollen von Hämatokrit, PSA, Leberwerten und Blutdruck bleiben essenziell. Aber die lange befürchteten schweren Herz-Kreislauf-Komplikationen lassen sich durch die aktuelle Evidenz nicht bestätigen.
Welche Monitoring-Massnahmen bleiben wichtig?
Trotz der positiven Datenlage empfehlen alle grossen medizinischen Fachgesellschaften ein strukturiertes kardiovaskuläres Monitoring unter TRT:
| Parameter | Kontrollintervall | Warum? |
|---|---|---|
| Hämatokrit | Alle 3 Monate (Jahr 1), dann halbjährlich | Erhöhte Werte (>54 %) steigern das Thromboserisiko |
| Blutdruck | Bei jeder Konsultation | TRT kann bei einigen Patienten den Blutdruck leicht erhöhen |
| Lipidprofil | Alle 6–12 Monate | Überwachung von LDL, HDL und Triglyceriden |
| Nüchternglukose / HbA1c | Jährlich | TRT verbessert oft die Insulinsensitivität, sollte aber überwacht werden |
Dieses Monitoring ist der Grund, warum TRT eine ärztlich betreute Therapie ist — nicht weil sie gefährlich ist, sondern weil eine sorgfältige Überwachung den Unterschied zwischen sicherer und unsachgemässer Anwendung ausmacht.
Was wir bei Swiss TRT daraus machen
Diese Erkenntnisse fliessen direkt in unser Behandlungsprotokoll ein:
- Engmaschiges Monitoring — Blutbild, Lipidprofil und kardiovaskuläre Marker in den ersten 12 Monaten alle 3 Monate
- Individuelle Dosierung — Zielbereich im physiologischen Normbereich, keine supraphysiologischen Dosen
- Risikostratifizierung — Bei vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders sorgfältige Abwägung und Überwachung
- Transparente Aufklärung — Patienten werden über die aktuelle Studienlage informiert, nicht über veraltete Ängste
Häufige Fragen
Erhöht TRT das Herzinfarktrisiko?
Nein. Vier unabhängige Meta-Analysen aus 2023–2025 mit insgesamt über 15'000 Studienteilnehmern zeigen übereinstimmend: TRT bei nachgewiesenem Testosteronmangel erhöht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulären Tod nicht. Die grösste Einzelstudie (TRAVERSE, 5'246 Teilnehmer) bestätigte dies 2023 im New England Journal of Medicine.
Warum galt TRT früher als herzgefährlich?
Eine methodisch fehlerhafte Studie aus 2014 suggerierte einen Zusammenhang zwischen TRT und Herzinfarkten. Die Medien griffen das Thema breit auf. Später mussten die Autoren zwei Korrekturen veröffentlichen, und die Fachgemeinschaft kritisierte die Studiendesign-Mängel scharf. Die seitdem durchgeführten grossen, gut kontrollierten Studien konnten das Resultat nicht bestätigen.
Ist TRT trotzdem risikofrei für das Herz?
Keine Therapie ist völlig risikofrei. Regelmässige Kontrollen von Hämatokrit, Blutdruck und Lipidprofil bleiben wichtig. Männer mit vorbestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen brauchen ein besonders engmaschiges Monitoring. Aber das Kernrisiko — schwere Herzinfarkte oder Schlaganfälle — ist durch die aktuelle Datenlage nicht belegt.
Wie oft sollte ich mein Herz unter TRT kontrollieren lassen?
In den ersten 12 Monaten empfehlen Leitlinien Blutbildkontrollen (inklusive Hämatokrit und Lipidprofil) alle 3 Monate. Ab dem zweiten Jahr sind halbjährliche Kontrollen bei stabilen Werten ausreichend. Blutdruck sollte bei jedem Arztbesuch gemessen werden. Bei vorbestehenden Herzerkrankungen gelten strengere Intervalle — sprechen Sie mit Ihrem Arzt über ein individuelles Monitoring-Protokoll, das optimal auf Ihr kardiovaskuläres Risikoprofil abgestimmt ist.
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Facharzt Allgemeine Innere Medizin · Medizinische Leitung
Dieser Artikel wurde von Dr. Ramadan auf medizinische Richtigkeit geprüft. Er orientiert sich am aktuellen Stand der Forschung und an internationalen Leitlinien.
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Quellen
- [1]Braga M, Rivera A, Marinheiro G, et al. (2025). Long-Term Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy in Middle-Aged and Older Men: A Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. Semantic Scholar
- [2]Corona G, Rastrelli G, Sparano C, et al. (2024). Cardiovascular safety of testosterone replacement therapy in men: an updated systematic review and meta-analysis. *Expert Opinion on Drug Safety*, 23(5), 565–579
- [3]Jaiswal V, Sawhney A, Nebuwa C, et al. (2024). Association between testosterone replacement therapy and cardiovascular outcomes: A meta-analysis of 30 randomized controlled trials. *Progress in Cardiovascular Diseases*, 85, 45–53
