Mit 68 sitzen Sie beim Arzt, weil die Energie fehlt, das Verlangen weg ist und der Schlaf nichts mehr bringt. Die Antwort lautet oft: „Das ist das Alter." Sie ist zur Hälfte richtig, und genau diese Hälfte macht die Sache schwierig.
Denn es stimmt, dass der Testosteronspiegel mit den Jahren langsam sinkt. Es stimmt aber nicht, dass daraus automatisch eine Behandlungsindikation folgt, und ebenso wenig, dass eine Therapie alles zurückbringt, was verloren gegangen ist. Für kaum eine Altersgruppe gibt es so gute Daten wie für diese, und sie fallen differenzierter aus, als beide Lager behaupten.
Die Studien, die das systematisch geprüft haben
Zwischen 2016 und 2017 wurde eine Reihe von Untersuchungen veröffentlicht, die genau diese Frage adressierten. Eingeschlossen waren 790 Männer ab 65 Jahren mit einem Testosteronwert unter 275 ng/dl und Beschwerden, die zu einem Mangel passen. Sie erhielten ein Jahr lang entweder Testosterongel oder ein Scheinpräparat [1].
Der Testosteronspiegel stieg damit in den mittleren Normbereich von Männern zwischen 19 und 40 Jahren. Was daraus folgte, wurde in mehreren Teilstudien getrennt untersucht, und das Ergebnis ist erfreulich klar in beide Richtungen.
Was messbar besser wurde
| Bereich | Ergebnis nach einem Jahr |
|---|---|
| Sexuelle Aktivität, Verlangen, Erektionsfähigkeit | deutlich verbessert [1] |
| Stimmung und depressive Symptome | leicht besser als unter Placebo [1] |
| Gehstrecke: Anteil mit mindestens 50 Metern mehr | 20,5 % gegen 12,6 % [1] |
| Knochendichte der Wirbelsäule (trabekulär) | +7,5 % gegen +0,8 % [2] |
| Errechnete Knochenfestigkeit der Wirbelsäule | +10,8 % gegen +2,4 % [2] |
Bei der Gehstrecke gehört eine Einschränkung dazu: Der Unterschied war signifikant, wenn man die Teilnehmer aller drei Teilstudien zusammen betrachtete, nicht aber innerhalb der Studie zur körperlichen Funktion allein [1]. Das ist ein Hinweis, kein Beweis.
Die Knochenwerte sind der eindrücklichste Teil. Ein Zuwachs von 7,5 Prozent an trabekulärer Dichte in einem Jahr ist erheblich, und die errechnete Festigkeit stieg noch stärker [2]. Was diese Studie nicht zeigen konnte, weil sie dafür zu klein und zu kurz war: ob daraus weniger Knochenbrüche folgen. Die Autoren sagen das ausdrücklich.
Der Nutzen, den kaum jemand erwartet
Eine Teilstudie widmete sich der Blutarmut, die im Alter häufig ist und oft ohne erkennbare Ursache bleibt. Bei Männern mit einer solchen unerklärten Anämie waren nach einem Jahr 58,3 Prozent nicht mehr blutarm, unter Placebo 22,2 Prozent. Einen Anstieg des Hämoglobins um mindestens 1,0 g/dl erreichten 54 gegen 15 Prozent, und auch bei Anämien mit bekannter Ursache lag die Testosterongruppe vorn, 52 gegen 19 Prozent [7].
Bemerkenswert ist, dass hier derselbe Mechanismus nützt, der andernorts zum Problem wird: Testosteron regt die Bildung roter Blutkörperchen an. Bei einem blutarmen 75-Jährigen ist das ein Gewinn, bei einem Mann mit ohnehin hohem Hämatokrit ein Risiko. Passend dazu erreichten in derselben Untersuchung sechs Männer, die zu Beginn nicht blutarm waren, einen Hämoglobinwert über 17,5 g/dl [7].
Die Autoren empfehlen daher, bei Männern ab 65 mit unerklärter Blutarmut und passenden Beschwerden das Testosteron zu bestimmen [7]. Ob daraus ein Gewinn an Gesundheit insgesamt folgt, ist noch offen.
Was nicht besser wurde
Zwei Ergebnisse widersprechen dem, womit im Netz geworben wird, und sie sind genauso belastbar wie die guten.
Vitalität und Erschöpfung. Bei der Müdigkeit, gemessen mit einem etablierten Fragebogen, zeigte sich kein Nutzen [1]. Das ist bemerkenswert, weil Erschöpfung der häufigste Grund ist, aus dem ältere Männer überhaupt in die Sprechstunde kommen.
Gedächtnis und Denkleistung. Eine eigene Teilstudie untersuchte 493 Männer mit altersbedingter Gedächtnisstörung, mittleres Alter 72 Jahre. Nach einem Jahr gab es keinen Unterschied beim verzögerten Erinnern, beim visuellen Gedächtnis, bei der Exekutivfunktion und beim räumlichen Vorstellungsvermögen [3].
Wer eine Therapie beginnt, um wieder klarer zu denken, sollte das wissen. Die Erwartung wird sich nach dieser Datenlage nicht erfüllen.
Der Befund, der zur Vorsicht mahnt
Eine weitere Teilstudie untersuchte mit Computertomografie die Herzkranzgefässe. Bei 138 Männern, mittleres Alter 71 Jahre, von denen die Hälfte bereits eine ausgeprägte Verkalkung aufwies, nahm das Volumen des nicht verkalkten Plaques unter Testosteron stärker zu als unter Placebo: Die geschätzte Differenz betrug 41 Kubikmillimeter [4].
Schwere kardiale Ereignisse traten in keiner der beiden Gruppen auf, und die Autoren schrieben ausdrücklich, dass grössere Studien nötig seien, um die klinische Bedeutung dieses Befunds zu verstehen [4].
Diese grössere Studie gibt es inzwischen. TRAVERSE untersuchte 5246 Männer mit Herz-Kreislauf-Vorerkrankung oder erhöhtem Risiko über durchschnittlich 33 Monate und fand beim Hauptendpunkt aus Herztod, Herzinfarkt und Schlaganfall keine Unterlegenheit gegenüber Placebo, 7,0 gegen 7,3 Prozent. Häufiger waren Vorhofflimmern, akutes Nierenversagen und Lungenembolien [5].
So ordnet man das zusammen ein: Ein Zwischenmarker verschlechterte sich bei 138 Männern über ein Jahr, die harten Endpunkte bei 5246 Männern über knapp drei Jahre nicht. Das ist beruhigend, aber kein Freibrief. Wer bereits eine koronare Herzkrankheit hat, gehört bei dieser Therapie kardiologisch mitbetreut, und der Befund gehört ins Aufklärungsgespräch.
Warum die Diagnose im Alter schwieriger ist
Wie steht es um Ihr Testosteron?
Der Selbsttest mit dem standardisierten AMS-Fragebogen zeigt Ihnen in 4 Minuten, ob eine Abklärung sinnvoll sein könnte — kostenlos.
Drei Gründe, aus denen im Alter häufiger falsch eingeordnet wird:
Die Beschwerden sind unspezifisch. Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Muskelabbau passen ebenso zu Blutarmut, Schilddrüsenstörung, Herzschwäche, Depression und schlicht zu wenig Bewegung. Beschwerden allein reichen nicht.
SHBG steigt mit dem Alter. Dieses Transportprotein bindet den grössten Teil des Testosterons. Steigt es, kann das Gesamttestosteron normal wirken, während das freie, wirksame Testosteron zu tief liegt. Deshalb gehört bei älteren Männern das freie Testosteron mitbestimmt [6].
Medikamente reden mit. Opioide und Glukokortikoide senken den Testosteronspiegel deutlich, und beide sind in dieser Altersgruppe verbreitet. Die Medikamentenliste gehört zur Abklärung.
Grundlage bleibt auch hier: zwei Morgenmessungen an verschiedenen Tagen, nüchtern, plus passende Beschwerden [6]. Was sonst noch ins Labor gehört, steht in TRT Blutbild. Und weil Erschöpfung im Alter oft aus dem Schlaf kommt, lohnt der Blick auf eine mögliche Schlafapnoe, siehe Testosteron und Schlaf.
Was das für die Kontrollen heisst
In dieser Altersgruppe verschiebt sich der Schwerpunkt der Überwachung:
- Hämatokrit engmaschiger. Der Anstieg ist die häufigste Nebenwirkung, und ältere Männer haben häufiger Begleiterkrankungen, die ihn zusätzlich treiben. Siehe Hämatokrit unter TRT.
- PSA und Prostata. Die Vorgeschichte und der Ausgangswert entscheiden, ob vor dem Start eine urologische Abklärung nötig ist. Siehe TRT und Prostata.
- Herz-Kreislauf im Blick. Blutdruck, Rhythmus und bei Vorerkrankung die kardiologische Mitbetreuung [4][5].
Wie Sie realistisch entscheiden
Die ehrliche Zusammenfassung für einen Mann über 60 lautet: Eine Therapie kann die Sexualfunktion deutlich verbessern, die Stimmung etwas, und sie stärkt den Knochen messbar. Sie wird die Müdigkeit wahrscheinlich nicht beheben und das Gedächtnis nach heutiger Datenlage gar nicht [1][3].
Das ist kein Argument gegen die Behandlung. Es ist ein Argument dafür, sie aus dem richtigen Grund zu beginnen. Wer wegen nachlassender Sexualfunktion und eines bestätigten Mangels behandelt wird, hat gute Aussichten. Wer sich davon zwanzig Jahre weniger auf dem Konto verspricht, wird enttäuscht.
Ob Ihre Beschwerden überhaupt zu einem Mangel passen, gibt der Online-Selbsttest als ersten Anhaltspunkt. Die Abgrenzung im Alter ist anspruchsvoller als bei Jüngeren und gehört ins Gespräch, das sich per Telemedizin ohne Anfahrt organisieren lässt.
FAQ
Lohnt sich eine Testosterontherapie mit über 65 noch?
Bei bestätigtem Mangel und passenden Beschwerden ja, mit realistischen Erwartungen. In der Untersuchung an 790 Männern ab 65 verbesserten sich sexuelle Aktivität, Verlangen und Erektionsfähigkeit deutlich, Stimmung und depressive Symptome leicht [1], und die Knochendichte der Wirbelsäule nahm um 7,5 Prozent zu [2].
Hilft Testosteron gegen Müdigkeit im Alter?
Nach der besten verfügbaren Studie nicht. Bei der Vitalität, gemessen mit einem etablierten Erschöpfungsfragebogen, zeigte sich kein Nutzen gegenüber Placebo [1]. Wenn Müdigkeit Ihr Hauptproblem ist, gehören andere Ursachen zuerst abgeklärt.
Verbessert Testosteron das Gedächtnis?
Nein. Bei 493 Männern mit altersbedingter Gedächtnisstörung gab es nach einem Jahr keinen Unterschied beim verzögerten Erinnern, beim visuellen Gedächtnis, bei der Exekutivfunktion und beim räumlichen Vorstellungsvermögen [3].
Ist die Therapie für mein Herz gefährlich?
Die Datenlage ist zweigeteilt und im Ergebnis beruhigend. Bei 138 älteren Männern nahm das nicht verkalkte Plaquevolumen unter Testosteron über ein Jahr stärker zu [4]. Bei 5246 Männern mit kardiovaskulärem Risiko war Testosteron über knapp drei Jahre beim Hauptendpunkt aus Herztod, Herzinfarkt und Schlaganfall nicht unterlegen [5]. Bei bestehender Herzkrankheit gehört die Behandlung kardiologisch begleitet.
Mein Gesamttestosteron ist normal, ich habe aber alle Beschwerden. Was nun?
Dann gehört das freie Testosteron bestimmt. SHBG steigt mit dem Alter, wodurch der Gesamtwert normal erscheinen kann, während der wirksame Anteil zu tief liegt [6]. Zusätzlich lohnt der Blick auf Medikamente wie Opioide und Glukokortikoide, die den Spiegel senken.
Weiterlesen

Facharzt Allgemeine Innere Medizin · behandelnder Arzt
Dieser Artikel wurde von Dr. Ramadan auf medizinische Richtigkeit geprüft. Er orientiert sich am aktuellen Stand der Forschung und an internationalen Leitlinien.
Ihr nächster Schritt
Sie haben sich informiert — jetzt können Sie in 4 Minuten herausfinden, ob eine ärztliche Abklärung für Sie sinnvoll ist.
Quellen
- [1]Snyder PJ et al. „Effects of Testosterone Treatment in Older Men." N Engl J Med. 2016;374(7):611-624. PubMed
- [2]Snyder PJ et al. „Effect of Testosterone Treatment on Volumetric Bone Density and Strength in Older Men With Low Testosterone: A Controlled Clinical Trial." JAMA Intern Med. 2017;177(4):471-479. PubMed
- [3]Resnick SM et al. „Testosterone Treatment and Cognitive Function in Older Men With Low Testosterone and Age-Associated Memory Impairment." JAMA. 2017;317(7):717-727. PubMed
